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LWL-Klinik Marl-Sinsen erhält Gütesiegel des „Kuratorium für Therapeutisches Reiten"

17.05.2015 | 

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Irene Schulle, Reittherapeutin, und Peter Eltrop, Kaufmännischer Direktor, mit Zertifikat

Die klinikeigene Reittherapie erhält das Gütesiegel des „Kuratorium für Therapeutisches Reiten“. Außerdem verzeichnet die LWL-Haardklinik eine Reihe vierbeiniger Neuzugänge, teilweise Logiergäste, aber auch Therapiepferde wie den Haflinger „Chiaro“ und seinen Artgenossen „Nevado“, der in der Klinik  zum Therapiepferd ausgebildet wird.Ungefähr ein Jahr dauert eine Ausbildung zum Therapiepferd. In dieser Zeit lernt „Nevado“ neben den gängigen Kommandos vor allem eines: Ruhe zu bewahren, egal wie hektisch, unsicher oder ungeschickt seine Reiterin oder sein Reiter ist. Zusätzlich muss der Haflinger seine Sensibilität trainieren, um die häufig zaghaften Kommandos der jungen Patienten zu verstehen. Dabei hat die Reittherapeutin Irene Schulle immer das letzte Wort, egal wer im Sattel sitzt. Eine mentale Höchstleistung für das Pferd. Aber eine, die sich lohnt.So wirkt das Reiten in bestimmten Gangarten wie im „Schritt“ oder „Trab“ nachgewiesenermaßen positiv auf spezielle Krankheitsbilder bei Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen. Für Schulle ist das keine neue Erkenntnis. Seit fast acht Jahren bietet die Reittherapeutin bis zu 60  Patienten im Alter von zwei bis 18 Jahren pro Woche die Möglichkeit, mit „vierhufiger“ Hilfe an ihrer Erkrankung zu arbeiten.

 

Dabei setzt die 29-Jährige gezielt auf „den passenden Gang“.Das klappt auch bei Sebastian, der seit einiger Zeit die Reittherapie in der LWL-Haardklinik besucht. Anfangs wirkte der Achtjährige nervös und fahrig. Aufgrund seiner ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) gelang es ihm kaum, sich für einen längeren Zeitraum zu konzentrieren oder zu entspannen. Auf dem Rücken von Haflinger „Amigo“ zeigt sich Sebastian von einer ganz anderen Seite. Während „Amigo“ im „Schritt“ geht, gelingt es dem Jungen zunehmend, sich zu entspannen und sich ganz auf die ruhigen und gleichförmigen Bewegungen seines tierischen Therapeuten einzulassen. „Dieses Phänomen erlebe ich oft“, erzählt Irene Schulle, „auf Dauer hat das Reiten im „Schritt“ etwas Meditatives. Da kommt selbst der größte Zappelphilipp zur Ruhe.“Junge Patienten, die sich aufgrund einer Depression oder eines traumatischen Erlebnisses antriebslos zeigen, sich wenig bewegen und in sich gekehrt sind, profitieren dagegen besonders von der Dynamik des Trabens, so Schulle. „Wenn ein Pferd trabt, kann ich nicht teilnahmslos im Sattel sitzen, sondern muss meinen Körper der Bewegung anpassen, ich muss also aktiv werden. Eine wertvolle Erfahrung für jemanden, der sich von seiner Traurigkeit wie gelähmt fühlt“, ist sich die Fachkraft für heilpädagogische Förderung mit dem Pferd sicher.Doch nicht jeder Patient müsse sich zwingend auf einen Pferde- oder Ponyrücken schwingen, erklärt die LWL-Expertin und erzählt, „Anfangs hatte Sebastian Angst vor unseren tierischen Therapeuten. Deshalb hat er vorwiegend sogenannte Versorgungsarbeiten gemacht. Das heißt, er hat die Tiere gefüttert und den Stall ausgemistet. Nach einiger Zeit hat er sich bereits getraut, „Amigo“ zu striegeln.“ Alleine dieser Kontakt zeige oftmals eine Wirkung bei den Kindern und Jugendlichen. „Die Pferde spiegeln die Gemütslage ihres Gegenüber eins zu eins wider“, so Schulle, „Dabei machen die Kinder und Jugendlichen die Erfahrung, dass sie durch Ruhe und Konzentration wesentlich mehr bewirken als durch hektisches Handeln.“

 

Überhaupt sei dieses Erleben, dass das eigene „Tun“ einen positiven Effekt hat, sehr wichtig für die jungen Patienten. Dazu gehöre das Füttern genauso wie das Stallausmisten. Schon dabei entdeckten die Jungs und Mädchen, wie auch beim Reiten selbst, oft eigene Fähigkeiten wie Geduld oder Sensibilität, die ihnen oftmals gar nicht bewusst waren, so Irene Schulle: „Das stärkt diese Patienten nicht nur für die Therapie, sondern auch fürs Leben.“ 

 

 

Die  Haardklinik bietet bereits seit dreißig Jahren eine Therapie mit Pferden für ihre jungen Patienten an. Das großzügige Klinikgelände mit eigenen Stallungen und einem Reitplatz sowie die Lage im Naherholungswaldgebiet „Haard“ mit seinen zahlreichen Reitwegen schaffen hierfür ideale Voraussetzungen. Jetzt wurde der Klinik das Gütesiegel „Anerkannte Einrichtung für heilpädagogische Förderung mit dem Pferd“ des „Kuratorium für Therapeutisches Reiten“ verliehen. Geprüft wurden die artgerechte Haltung der Tiere sowie die fachgerechte Therapie. Das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. (DKThR) ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung des Therapeutischen Reitens. Der bundesweit agierende Fachverband wurde 1970 gegründet. Er ist dabei der älteste seiner Art weltweit. Seit über 40 Jahren ist das DKThR die zentrale Anlaufstelle für alle Fragen zum Therapeutischen Reiten und hat heute seinen Sitz in Warendorf. Für die Reittherapie in der LWL-Haardklinik laufen neben den Haflingern „Amigo“ und „Chiaro“‚ noch das Warmblut „Gin Darius“ sowie nach dem Ende seiner Ausbildung der Haflinger „Nevado“.

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