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Tagesklinische Behandlung: Kindern und Jugendlichen schnell professionelle Hilfe geben

24.01.2018 | 

Interview mit Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Christian Zoll

Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Christian Zoll leitet die LWL-Tagesklinik Borken / Bild: LWL/Seifert

Eigentlich verlief das Leben der fünfzehnjährigen Pia (Name geändert) in ruhigen Bahnen. Sie besuchte regelmäßig die Schule, traf sich mit Freunden und ging ihren Hobbys nach. Doch irgendwann begann sich das Mädchen zurückzuziehen, blieb nachmittags in ihrem Zimmer und verweigerte schließlich den Schulbesuch. Zwei Jahre lang suchten Pia und ihre Eltern Hilfe bei verschiedenen Organisationen. Erst eine Therapie in der Tagesklinik (TK) Borken für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) brachte einen Erfolg. Im Interview erzählt Dr. Christian Zoll, ärztlicher Leiter der LWL-Tagesklinik Borken, wie sein Team Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen hilft.

Herr Dr. Zoll, was bedeutet der Begriff Tagesklinik?
Dr. Christian Zoll: Ganz einfach, wir sind eine sogenannte Klinik ohne Bett. Das heißt, unsere Patienten kommen morgens hierher, erleben einen strukturierten Tagesablauf und nehmen an unterschiedlichen Therapieangeboten teil. Dabei werden sie von einem multiprofessionellen Team aus Ärzten, Psychologen, Sozialpädagogen und dem Pflege- und Erziehungsteam begleitet. Am späten Nachmittag geht es wieder nach Hause. So können die Jungen und Mädchen auch während der Therapie in ihrem gewohnten sozialen Umfeld bleiben, und wir haben gleichzeitig die Möglichkeit, ihre Sorgeberechtigten mit in die Behandlung einzubeziehen.

Mit  welchen Problemen kommen die jungen Menschen zu Ihnen?
Dr. Christian Zoll:  Die psychischen Probleme unserer Patienten sind sehr unterschiedlich. Manche leiden an einer Angststörung wie Pia, andere verlassen aufgrund einer Depression ihr Zuhause nicht mehr oder haben durch ein schlimmes Erlebnis ein Trauma erlitten und wieder andere können sich nicht konzentrieren, sind unruhig oder aggressiv. Gemein ist allen Hilfesuchenden, dass ihre Störung ihr Leben so weit beeinflusst, dass sie für sie und ihre Umwelt zu einer großen Belastung geworden ist.

Gibt es eine Veränderung in den Krankheitsbildern oder der Altersstruktur Ihrer Patienten?
Dr. Christian Zoll: Noch vor einigen Jahren waren Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) für uns ein großes Thema. Aber mittlerweile stellen wir bei unseren Patienten immer häufiger eine depressive Episode oder eine Angststörung fest. Dabei sind viele unserer aktuellen Patienten zwischen 14 und 16 Jahre alt. Das kann sich jedoch auch wieder ändern. Prinzipiell bieten wir Hilfe für Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis achtzehn Jahren.

Viele Menschen haben Berührungsängste mit einer psychiatrischen Einrichtung, ist das in der LWL-Tagesklinik Borken ein Thema?
Dr. Christian Zoll: Berührungsängste zeugen ja meistenteils von Unkenntnis. Deshalb ist es wichtig, offen über psychische Probleme zu sprechen und auch Behandlungsmöglichkeiten vorzustellen. Denn eine psychische Erkrankung ist kein Makel! Und je früher Hilfe einsetzt, desto größer sind die Erfolgsaussichten. Um bei unserem eingangs erwähnten Fallbeispiel zu bleiben: Pia, hatte Angst zur Schule zu gehen. Das äußerte sich unter anderem durch Panikattacken. Pia hat gemeinsam mit unserem Team an ihrer Schulangst gearbeitet. Dazu gehörten auch sogenannte Angstübungen, in denen sie sich gemeinsam mit unserer Hilfe angstbesetzten Situationen gestellt hat. So konnte Pia wieder positive Erfahrungen machen und eine neue Sicherheit, auch im Umgang mit anderen Menschen, gewinnen. Nach etwa vier Wochen ist sie wieder zur Schule gegangen. Ein Teammitglied hat die Jugendliche begleitet und ist solange bei ihr geblieben, bis sie sich sicher gefühlt hat. Mittlerweile nimmt Pia wieder selbständig und regelmäßig am Unterricht teil.
 
Welche Rolle spielt der Einbezug der Eltern in die Therapie?
Dr. Christian Zoll: Die Eltern oder Sorgeberechtigten mit ins Boot zu holen, ist sehr wichtig.  Denn viele Eltern fühlen sich schuldig an der Erkrankung ihres Kindes. Dabei werden mindestens 10 Prozent aller Kinder bereits mit einer Veranlagung für schwierige Verhaltensweisen geboren. Da ist eine gute Aufklärungsarbeit gefragt. Hierzu bieten wir Elternschulungen an, in denen die Mütter und Väter Informationen zum Krankheitsbild ihres Zöglings erhalten und lernen, wie sie ihr Kind bei seiner Gesundung unterstützen können. Außerdem haben die Eltern bei uns die Möglichkeit, in speziellen Gruppen Erfahrungen auszutauschen oder sich Tipps für den Alltag mit ihren Kindern zu geben.

Und wie geht es nach dem Aufenthalt in der Tagesklinik weiter?
Dr. Christian Zoll: Wir überlassen hier auch nach der Therapie niemanden einfach seinem Schicksal. Wenn es nötig ist, können unsere Patienten unsere Nachschaltambulanz besuchen bis sie einen festen Therapeuten gefunden haben. Außerdem arbeiten wir mit ambulanten Diensten und Leistungsträgern zusammen, die ebenfalls Hilfestellung anbieten.

Hintergrund: Die LWL-Tageskliniken sind teilstationäre Einrichtungen der LWL-Klinik Marl-Sinsen. Sie bieten mit 10 - 12 teilstationären Plätzen therapeutische und pädagogische Hilfe für Kinder und Jugendliche mit psychischen Störungen im Alter von sechs bis 18 Jahren an. Die Behandlung geht über ein ambulantes Maß hinaus, ermöglicht aber den Verbleib der Patienten in ihrem familären und sozialen Umfeld. Eine Aufnahme erfolgt in der Regel im Zuge einer Überweisung durch den (Kinder-)Arzt oder einen niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater. Aber auch eine direkte Kontaktaufnahme ist möglich.  Opens internal link in current windowUnsere Tageskliniken

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